„Bei einem Hochwasser sieht man die Schäden erst nachher“

 Helmut Mitter ist Fanbetreuer des SK Rapid Wien. Im Normalfall hat er viel Arbeit, bei jedem Spiel geht es um viele Dinge, eine Querschnittsmaterie sagt er. Er koordiniert Aktivitäten von Fanclubs, bietet Serviceleistungen, kümmert sich um das Soziotop und um den Verein. Seine größte Sorge: Die neue Normalität.

Helmut Mitter, c/ skrapid.at

Ist Hardcore-Fan-Sein ein Full Time Job?

Normalerweise schon! Leute die in der Organisation tätig sind, sind dabei rund um die Uhr beschäftigt. Die meisten machen das neben dem Studium, eigentlich studieren sie eher nebenbei. Acht bis zehn Leute machen Choreografien, andere schreiben Fanzines, beides ist sehr zeitintensiv. Auswärtsfahrten bedürfen ebenso großer Organisation. Gruppen haben zumeist einen eigenen „Keller“ mit Barbereich. Diese Gruppen bestehen aus 30 bis 60 Leuten. Der Organisationsgrad ist wirklich hoch! 

Was machen die Leute jetzt?

Gute Frage. Es gibt zwar eine gute Vernetzung der Leute untereinander, sogar bei verfeindeten Fan-Gruppen gibt es übergreifende Kampagnen. Schnell kam ein Commitment, dass es keinen Sinn macht, bei den ganzen Maßnahmen irgendeinen Support zu organisieren. 

Aber je länger die Sache dauert, desto schwieriger wird es. Tatsächlich ist es sehr ruhig, weil man ja keine Veranstaltungen machen kann. Soziale Beziehungen beschränken sich auf kleinere Gruppencliquen. Bei vielen Gruppen wohnen die Mitglieder auch nicht ums Eck, sondern weiter voneinander entfernt. Wir haben Fans über ganz Österreich verteilt, wenn man da weiter voneinander entfernt ist, ist es noch schlechter. Es gab im Sommer regelmäßige Treffen, mit Besuchen von Spielen, meistens vor Ort, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, oder in einem Lokal am Spielort. Aber ein großes Fest, so wie wir das gewohnt sind, war nicht möglich. Das fehlt total, damit ist es sehr schwierig, ein Gruppengefüge aufrecht zu erhalten. 

Ein paar fangen jetzt an, Choreographien für die Zeit danach vorzubereiten, aber es ist momentan sehr ruhig. Es ist eine große Herausforderung, man kann nicht sagen, wie sich das gruppendynamisch auswirkt – es trifft ja alle gleich. 

Hast du Befürchtungen, dass die Fanszene dezimiert wird?

Der eine oder andere wird da wegbrechen, wenn er aus dem „Radl“ von alle drei bis fünf Tage Spiele und Aktivitäten draußen ist. Plötzlich kannst du dein Wochenende anders und über einen längeren Zeitraum planen. Dann fängt es dir an zu gefallen, dass du unabhängig bist und tun kannst, was du willst, nicht immer den fix verplanten Tag hast. Es gibt immer Beteuerungen, wir kommen stärker zurück als vorher. Nur bin ich mir nicht sicher. Viele verabschieden sich innerlich, merken es bedeutet ihnen nicht mehr so viel wie vorher. 

Wie steht es um das Leben in der Masse, das jetzt nicht mehr so stattfinden kann? Wie artikulieren die Leute, dass Ihnen was fehlt?

Viele sagten zu Beginn, dass sie sich die „Geisterspiele“ (Spiele ohne Zuseher, Anm.) gar nicht im TV ansehen können. Mittlerweile sind sie froh, wenn irgendwas mit Fußball im Fernsehen ist. 

Volle Westtribüne des Allianz-Stadions, Quelle: WikiCommons

Jetzt sind wir gerade am Nullpunkt: Im Frühjahr gab es zwar Geisterspiele, aber keinen Lockdown. Jetzt haben wir Lockdown und Geisterspiele, das ist nur mehr beängstigend – das komplette Fernbleiben vom Spielort. Es wird nur mehr für Funktionäre und fürs Fernsehen gespielt. 

Viele gehen ja gar nicht nur wegen Fußball ins Stadion …

Am Block West sind regelmäßig 5.500 eingefleischte, fast 2.000 organisierte Fans.  

Dann gibt es diese Regelmäßigkeit, das Urlaubsroulette zum Europacup. Wir fahren auch nach Aserbaidschan, Weißrussland und so weiter – die Leute zahlen absurde Preise, um diese Spiele zu sehen. Das ist für uns unverzichtbar und unvergleichbar! Im Herbst wären wir in London, Dublin und Norwegen gewesen: Das wäre eine Pub-Tour der Extraklasse für 1.500 – 2.000 Leute gewesen, die Karten wären sofort weggewesen. Das da halt jetzt gar nix ist, tut allen weh. 

Rapid-Fans in Amsterdam, 2015; Quelle: Tornados-Rapid.at

Die Leute kompensieren das ja jetzt auch nicht dadurch, dass sie zuhause Yoga machen?

Alles, was du machst, ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Besonders für jene, die seit Jahrzehnten keine Spiele mehr verpasst haben, bricht komplett die Welt zusammen. Das war immer so ein Wettbewerb: Wer versäumt wie lang kein Spiel? Es gibt einen, der seit 1977 ganze 3 Spiele verpasst hat. Dem geben wir immer Akkreditierungen für die sogenannten „Geisterspiele“. Den habe ich um 15.30 in Neunkirchen angerufen, dass noch eine Akkreditierung für das Spiel gegen Salzburg zu haben ist. Um 17 Uhr war er pünktlich zum Anpfiff im Stadion. 

Jetzt ist es sehr ruhig, das stört mich.

Die jetzige Stimmung?

Jetzt ist es sehr ruhig, das stört mich. Lieber ist mir, die Leute regen sich auf, artikulieren sich – das machen sie jetzt nicht, ich fürchte, sie resignieren. Die, die jetzt am Ruhigsten sind, leiden wohl am meisten. Wissen werden wir es später: Wie bei einem Hochwasser sieht man erst danach die Schäden. 

Gibt’s offenen Protest gegen die Corona-Maßnahmen?

Die Szene in Österreich hat klar gesagt, dass sie Corona ernst nimmt und bis auf weiteres den Support einstellt. Es gab eine Demo am 26. Oktober, die war das Werk von Halbwahnsinnigen, die Fans instrumentalisieren wollten und in Foren dafür geworben haben. Unsere Fanszene ist aber dezidiert unpolitisch, nimmt daher auch nicht erkennbar an irgendwelchen Demos teil.  

Wir kritisieren, dass die Zuschauerzahl im Stadion nicht prozentuell nach Auslastung gerechnet wird. Nur 1.500 Leute in einem Riesenstadion: Das finde ich überzogen, da ist auch mit mehrer Zuschauern Abstand gewährleistet.  

Wird es nachhaltige Einschnitte betreffend behördlicher Vorgaben gegen Fans geben?

Wir haben immer eines gelernt: Wenn es heißt, es kommt eine Sicherheitsmaßnahme, waren wir immer die Betroffenen. Siehe beispielsweise das Verhüllungsverbot: Das hat uns als Fußballfans enorm getroffen. Da gab es unzählige Anzeigen! 

Jetzt mit Pandemie und Terrorgefahr kommen bessere Ermittlungsmethoden, die werden dann normalerweise an uns Fans ausprobiert.

Meine große Angst: die neue Normalität. Eng auf der Tribüne zusammenstehen geht nicht mehr, Einschränkung von Kapazitäten. Da hoffe ich, dass vor allem in Deutschland Druck gemacht wird, dass es so werden kann wie früher. 

I: Viele werden sich fragen: Geisterspiele gehen ja eigentlich ganz gut, wofür brauchen wir Fans?

M: Wenn es nur um Fußball alleine geht, werden sich wohl viele denken: Gut, wir haben ein Problem weniger. Ich hoffe, da entsteht gesellschaftlicher Druck gegen solche Tendenzen. 

Leere Stadien: Die neue Normalität? C/Gustavo Tabosa, pexels.com

Aber über allem schwebt gerade eine Ratlosigkeit: Soll man sich dagegenstellen, Alternativen überlegen? Da ist es gerade sehr still – man kann nur hoffen und abwarten. Für mich sehr bedrückend.

Wirklich keine News aus der Fanszene?

Von manchen weiß ich, dass sie das Studium beendet haben. Ein paar haben Kinder gekriegt. Viele, die immer auswärts und im Europacup mitgereist sind, haben noch nie so viel Geld am Konto gehabt und fragen sich, was sie damit machen sollen. Wirklich an die Substanz wird’s gehen, wenn es noch ein Jahr so weitergeht. Alle sind skeptisch, wie, wann und wo. Es kommt auch drauf an, wie es wieder anfängt: Gibt’s einen richtigen Auftakt, der hochstilisiert werden kann? Wenn es wieder nur so halb dahinrennt, dann wird es zäh. 

(Interview: Georg Seebacher)