„Danke für Ihre Einschätzung!“

Dank Corona stürzen sich die Medien geradezu auf die Wissenschaft und mit ihr auch auf die Akteurinnen und Akteure dahinter. Diese Art der Aufmerksamkeit ist oftmals ungewohnt für die Forscherinnen und Forscher, die normalerweise abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit arbeiten.

Text: Mona Saidi

Die Wissenschaft hat durch die Corona-Pandemie eine kaum zuvor erfahrene Aufmerksamkeit erhalten. Das spiegelt sich auch in der medialen Berichterstattung wider. Seit dem Frühjahr 2020 werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Berichterstattung in Zeitungen, Magazinen, in Hörfunk und Fernsehen, aber auch in den Social-Medien-Kanälen interviewt. Eva Schernhammer ist eine von ihnen. Schernhammer ist Professorin für Epidemiologie und leitet diesen Fachbereich an der medizinischen Universität Wien. Im vorherigen Jahr trat sie mehrfach im ORF als Expertin auf und hat die jüngsten Entwicklungen zum Coronavirus analysiert.

Die mediale Aufmerksamkeit ist nicht ganz neu für Schernhammer: „Unsere Studien haben immer wieder mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sei es CNN oder andere Medien. Aber da ging es um die wissenschaftlichen Inhalte und es hat sich stets auf meine spezifische Arbeit bezogen. Wohingegen jetzt viel mehr im Vordergrund steht, Geschehnisse zu kommentieren und als Experte zu gewissen Dingen eine Meinung abzugeben. Insofern ist das schon etwas anders“, sagt die Epidemiologin. Neu sind auch Einladungen zu TV-Diskussionen, die sie aus Zeitgründen sehr bewusst auswählt. Normalerweise werden wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Hoffnung präsentiert, dass sie halbwegs verständlich sind. Anders ist das im Rahmen von Covid-19 mit großen Diskussionsrunden, die teilweise medial in Pros und Contras, Wenn und Abers gelenkt werden.

Eva Schernhammer, MD, DrPH, MPH, MSc
Professorin für Epidemiologie
Leiterin der Abteilung für Epidemiologie der MedUni Wien
Credits: Screenshot/Mona Saidi

Wenn Schernhammer ihre Forschung den Medien vorstellt, dann geht sie stark in die Tiefe, um die Methodik oder den komplexen Background zu erklären. Diese Vorträge sind vorab sorgfältig durchstrukturiert und bis ins kleinste Detail durchgeplant. Die Corona-Pandemie lässt eine solche Struktur und Planung nicht zu. Daher geht es eher darum, eine Interpretation der Geschehnisse, die Großteils von der Regierung vorgegeben wurden, vorzunehmen und auch spontan Einschätzungen abzugeben.
„Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ein oberflächliches Gespräch, das man mit Journalisten führt. Es ist in gewisser Weise leichter, weil es eben nicht so sehr in die Tiefe geht. Aber durch die Umstände der Pandemie ist das Verständnis mitunter auch noch gar nicht vorhanden. Es ist auf seine Art und Weise fordernd, aber nicht so fordernd wie Präsentation einer wirklichen umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit“, führt Schernhammer weiter aus. Corona hat die Intensität ihrer Arbeit nicht beeinflusst. Der Digitalisierungsschub erweitert vielmehr die Möglichkeiten. So lassen sich beispielsweise nun wissenschaftliche Konferenzen online abhalten.

Das Verlangen der Öffentlichkeit nach immer mehr Informationen hat sich zwischendurch mit dem Ablauf der Infektionszahlen während der Sommermonate 2020 etwas gemindert. Allerdings sind auch eine Menge Verschwörungstheorien entstanden. Das Verständnis dafür, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur linear entwickeln, sondern so manche Hypothese auch wieder revidiert werden muss, fehlt bei vielen.
Das sieht auch Schernhammer als ein Problem des Medienandrangs, den Corona ausgelöst hat: „Natürlich ist es positiv, dass bis zu einem gewissen Grad mehr Einblick in den Ablauf von wissenschaftlichen Prozessen gewonnen wurde. Auf der anderen Seite finde ich, ist es nicht immer sehr befriedigend abgelaufen. Gerade weil man hier eben nicht von tiefgreifender Wissenschaft ausgegangen ist, sondern mehr von der Einschätzung einer Situation, hatte man dann auch von den verschiedenen Wissenschaftern zum Teil extrem divergierende Einschätzungen. Diese sind wahrscheinlich auf die verschiedensten Ursachen zurückzuführen, nicht zuletzt auch auf die eigene Einstellung, die man hat und die normalerweise nicht in die Kommunikation der Wissenschaft miteinfließt.“

Eva Schernhammer zu Gast in der Zeit im Bild bei Lou Lorenz-Dittlbacher
Credits: Screenshot/ORF

Außerdem hat sich das medizinische Fachvokabular wie von selbst in den Wortschatz der meisten Menschen eingefügt. Da bleibt natürlich wenig Raum für eine Differenzierung in der Präsentation der Expertinnen und Experten sowie ihrer Fachbereiche. Auch der Kampf der Medien untereinander um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sorgte dafür, dass in ihnen praktisch jede Fachperson als Virologin oder Virologe bezeichnet wird.

Ein weiterer Experte, der im Zuge der Pandemie ins Visier der Medien geraten ist, ist Gerald Gartlehner. Er leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität in Krems. Auch bei ihm hat sich seit dem Ausbruch des Coronavirus der Medienandrang vervielfacht. „An manchen Tagen hatten wir fünf, sechs Interviewanfragen und neben der normalen Tätigkeit, die wir natürlich nicht vernachlässigen können, war das teilweise nicht mehr zu bewältigen“, sagt der Mediziner.

Diese Situation bietet aber auch die Möglichkeit Journalistinnen und Journalisten näher kennenzulernen. Der intensivere Einblick in die journalistische Arbeit – beispielsweise inwieweit die zum Teil durchaus komplexen medizinischen Zusammenhänge korrekt erfasst und widergegeben werden – beeinflusst auch die weitere Selektion von Medienanfragen.
„Es gab einige Fälle, wo der Artikel überhaupt nicht oder so kurzfristig zurückkam, sodass ich innerhalb von 30 Minuten [vor der Abgabe] nicht reagieren konnte. Dann standen Fehler drinnen und sowas senkt natürlich die Attraktivität einer weiteren Zusammenarbeit in Zukunft“, sagt Gartlehner über seine Erfahrungen mit Medien in den vergangenen Monaten. Auch er findet, dass etwas zu viel über Corona berichtet wurde und eine Art „Hype“ entstanden ist.
Die öffentliche Aufmerksamkeit zieht aber nicht nur negative Seiten mitsich, sondern bietet auch eine Bühne. Die divergierenden Meinungen der Expertinnen und Experten in den Medien reflektieren den Alltag in der Wissenschaft laut Gartlehner: „In der Wissenschaft ist kaum etwas schwarz und weiß. Es ist immer einen gewisser Interpretationsspielraum vorhanden. Es gibt Unsicherheiten in den Daten und Darstellungen. Jeder entwickelt eine eigene Perspektive, wie er diese Daten interpretiert und das erscheint dann auf einem gewissen Spektrum.“

Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH
Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Donau-Universität Krems
©Donau-Universität Krems/Andrea Reischer

Genau diese divergierenden Meinungen und das Fehlen von klaren Antworten ist, wie wir alle gesehen haben, für die Bevölkerung frustrierend. Aber es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft sich abzustimmen und eine einheitliche Meinung nach außen zu vertreten. Deshalb ist in diesen Zeiten eine klare Kommunikation zwischen Medien und Wissenschaft so essenziell. Gartlehner sieht darin eine Chance: „Ein gutes Hintergrundverständnis und die Bereitschaft im Falle von Änderungsvorschlägen den Text zu redigieren, gestaltet das Miteinander zwischen Medienschaffenden und Experten einfacher.“

Neben seinen Tätigkeiten an der Donau-Universität in Krems ist Gerald Gartlehner auch Direktor von Cochrane Österreich, eine Non-Profit-Organisation, um Gesundheitsinformationen bereitzustellen. Außerdem wirkt er an der Webseite www.medizin-transparent.at mit.