„Wir Soziologen haben wahnsinnige Angst, dass hier etwas zusammenfällt.“

Die Soziologin Michaela Pfadenhauer forscht intensiv zu diesen Themen. Schon vor der Corona-Krise beschäftigte sie sich mit dem Begriff des gesellschaftlichen „Unbehagens”: Entwicklungen, die uns nicht geheuer sind, die uns in unserem Menschsein herausfordern. Die unaufhaltsame Digitalisierung war vor der Corona-Krise der Hauptauslöser eben jenes Unbehagens. Die Pandemie sieht sie als Brandbeschleuniger für ohnehin schon schwelende gesellschaftliche Probleme. 

Michaela Pfadenhauer c/ Bernard Langerock

Selbst ist Frau Pfadenhauer auch schon geschlaucht von ewigen Zoom-Konferenzen. Dennoch hatte sie noch Zeit für eine mit uns. Wir fragten sie, was für gesellschaftliche Auswirkungen die Pandemie haben könnte. 

Es ist momentan nahezu alles verboten, was Spaß macht abseits der Arbeit. Für viele ist Arbeit Mittel zum Zweck: Man hält die Woche durch, damit man dann wo hinfahren, auf den Putz hauen, sich ausleben kann. Das haben wir ja jetzt nicht, wo führt das hin?

 Das ist hochproblematisch, in zweierlei Hinsicht. Alles, was nicht zur Aufrechterhaltung einer Ordnung notwendig ist, geht nicht, außer, es dient zur Rekreation. Sport hat so einen hohen Stellenwert, weil er zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der Menschen für die Arbeit dient. Das ist ein Zeitgeist, der in den Achtzigern begonnen hat, das stellt keiner mehr in Frage.

Alles andere, was etwa mit Feiern und Musik verbunden ist, ist verboten: Doch genau das baut Spannungen ab und erzeugt Bindung. Es fehlt der Kontakt mit den Gleichgesinnten. Mit denen will man zusammen sein, wenigstens für ein Fenster in der Woche: Hier bin ich dann unter meinesgleichen.

Wir betreiben das, was bei den Affen das Lausen ist. Wir sagen uns untereinander: „Du bist in Ordnung.“ – Gesellschaft als Geselligkeit, nicht nur das karrieristische „Du machst deinen Job gut“ – sondern: „Es ist gut wie du bist“. So sind auch Familiengefüge, da weiß man: „Wir g’hören zamm.“

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Sind Videokonferenzen oder andere technische Hilfsmittel ein geeigneter Ersatz?

Wenn es keine Erinnerung an die familiären oder freundschaftlichen Bindungen gäbe, hätte das alles keinen Effekt. Wenn allerdings die Erinnerung verblasst oder ganz wegfällt, dann hält das die Gesellschaft nicht mehr aus. Dann bricht es an nachbarschaftlichen Gefügen, an Kontexten, wo Leute freiwillig zusammenkommen. Wir Soziologen haben wahnsinnige Angst, dass hier etwas zusammenfällt. 

Kontaktreduktion ist aber eine Notwendigkeit …

Stellen Sie sich die Kinder und Jugendlichen vor. Wenn man dann noch mitkriegt, wie dieses Denken Fuß fasst: „Ach es ist ja nicht notwendig, was müssen sie denn da immer?“ – dagegen wird es bald massive Widerstände geben. Das ist ein Konflikt, der sich ganz langsam anbahnt, der Bahn bricht, wenn nicht gegengesteuert wird.

Diese moralinsaure „Ihr braucht’s eh nicht“-Stimmung, die halte ich für verheerend.

Für viele hat die Pandemie aber auch angenehme Seiten? 

Schon vor einigen Jahren war von Cocooning und Neobiedermeier die Rede: vom verstärkten freiwilligen Rückzug in die eigenen vier Wände, der Nichtteilnahme am politischen Diskurs. Das war damals der Ausklang der Partygeneration der 90er, die Nach-Babyboomer. Deren Motto: Wir müssen ja nicht überall dabei sein! Richten wir es uns daheim schön ein! – Dafür war auch genügend Geld da. Jene, die im Übermobilitätsmuster waren – also beruflich und privat Getriebene –, für die war der Lockdown eine ganz willkommene Zäsur. Das Frühjahr war für viele wie ein Sabbatical, das sie sich immer gewünscht hatten – nur halt zwangsverordnet. Aber gerade die Zwangsverordnung wirkt erleichternd.  

Zwang wirkt erleichternd?

Es gibt nichts Besseres für uns individualisierte Menschen als eine Instanz außerhalb von uns, die uns sagt: Jetzt geht es nicht anders. Daran haben die Menschen in der Vormoderne ja noch gelitten: Da gab es einen Gott oder einen König, der sagte, was richtig oder falsch ist. Das haben wir in Zeiten der Aufklärung mit allen Mitteln bekämpft!

Es gibt jetzt eigentlich keine Instanz außer der eigenen.  Die ist aber recht wackelig: Die will einerseits überall dabei sein, andererseits ihre Ruhe haben. Die fühlt sich ganz schnell überlastet, aber auch ganz schnell unwichtig, unterfordert und ungefragt. Darum ist es jetzt wahnsinnig angenehm gewesen, dass das Daheimbleiben verordnet wurde – noch dazu mit Bonus: Damit rettest du sogar noch Leben! Aber geben wir damit unsere Öffentlichkeit, den öffentlichen Diskurs auf? Äußert sich keiner mehr, weil Stricken und Brotbacken so schön sind? Dann wären wir wieder im Biedermeier

Familienidylle im Biedermeier: Joseph Hartmann: Familienbildnis des Forstmeisters Wilhelm Heinrich Seyd, 1845

Viele haben weder Zeit für noch Interesse an Sabbatical, Innenschau und Behaglichkeit …

Da denke ich an die „Geschlossene Gesellschaft“ – ein von Albert Camus in seinem Werk „Die Pest“ und von Jean-Paul Sartre geprägter Begriff. Camus meinte damit nicht geschlossene Grenzen, sondern das Wegfallen von Zukunft. Das erfährt jeder von uns: Man hat sonst wochen- oder monatelang Weihnachten, Geburtstagsfeiern, Treffen, Anlässe geplant und gewusst, wie die aussehen. Das strukturiert ja das Leben. Unser Leben ist auf die Zukunft gerichtet: Egal ob das Kommende bedrückend ist oder Vorfreude erzeugt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich in den letzten 30 Jahren so wenig Termine in der Zukunft hatte. Alles hängt an einer Obrigkeit, die sagt, wann der Spuk zu Ende ist. Wir wissen es nicht! Das halte ich gerade für weltweit relevant.

Ich frage mich, inwiefern die jetzige Situation nachhaltige Folgen entwickelt. Muss das noch länger dauern, oder wird das Jahr 2020 schon Spuren hinterlassen?

Ich habe den Eindruck, es gibt einerseits diese moralinsaure Stimmung, andererseits subkutan diese Lust am Vernadern, dieses sich gegenseitig zurechtweisen. „Ich weise dich drauf hin, dass du deine Maske falsch aufhast.“ Da schwingt auch diese kleine Lust mit, es endlich einem wieder vor den Latz knallen zu können. Ein bisschen eine Stimmung, eine Blockwartmentalität: In so eine Gesellschaft will ich nicht reinlaufen.

Aber wenn ein größerer Konflikt kommt, dann gehen diese kleinen Bruchlinien auf. Manchmal steige ich in die U-Bahn und habe den Eindruck, es gibt immer zwei Leute, die stehen nur und schauen, ob alle die Maske richtig aufhaben. Leute haben lange einen Anlass gesucht, um endlich rauszukommen. Jeder hat jetzt zwei, drei Instrumente gegen den anderen in der Hand: Abstand, Ausgangssperren, Masken, you name it. Das kann so ein Druckventil sein: Manche finden sich zum Ordnungshüter berufen, jetzt können sie sich ausleben.

Glauben Sie, dass der Abstand bleiben wird? Gehen wir Richtung Japan, Finnland – Gesellschaften mit größerer Distanz?

Kann man es sich vorstellen, dass man sich so herzt wie zuvor? Ich kann es gerade nicht. Dieses kontaktlose Zusammenstellen ist ganz schnell gegangen und ist auch für viele eine Erleichterung: der Verzicht auf weitschweifige Grußformeln und Bussi links, Bussi rechts. Das wird vielleicht nicht mehr ganz so wie früher. Es wird vielmehr Tests geben, bald kommt die Impfung, dann gibt es die Riesendebatte zur Impfpflicht. Das dauert, bis Entwarnung gegeben wird. Es ist aber undenkbar, dass sich die Leute jetzt nicht mehr die Hände waschen, weil es ihnen wurscht ist. Es ist ein Wissensregime, soziologisch ausgedrückt. Händewaschen kam als Hygieneverordnung vor 150 Jahren von der Gynäkologie her und hat zur Vermeidung der Kindersterblichkeit beigetragen. Es wurde dann ein Zivilisationsgebot, dennoch musste man jetzt wieder drauf hinweisen, wie man sich die Hände wäscht.

Hygiene- und Abstandsvorschriften aus Japan, erklärt vom Bär Kumamon

Ich kann mir nicht vorstellen, gleich wieder in alte Muster zurückzukommen, Abstand und Misstrauen werden sicher bleiben.

Ihr Fazit? 

Wir werden Corona-Spuren in ganz vielen Strukturen spüren und untersuchen können.

Dann wird es aber vielleicht keiner hören, nicht mehr wissen wollen. Man wird nicht alles ewig mit Corona begründen können.

(Interviewer: Georg Seebacher)