Wissen heißt nicht Glauben

Wissen ist so zugänglich wie noch nie zuvor, trotzdem gibt es Zweifel an Fakten. Wie kann es sein, dass man theoretisch fast alles wissen kann, aber es nicht glauben will? Ein Interview mit der Wirkungsforscherin Sophie Lecheler. Von Franziska Schwarz.


Die Wirksamkeit von Impfungen ist bewiesen, das Voranschreiten des Klimawandels ist ein Fakt. Ob man diese Tatsachen akzeptiert, ist abhängig vom persönlichen Verhältnis zwischen Wissen und Einstellungen, so Sophie Lecheler. Sie ist Medienwirkungsforscherin, spezialisiert auf politische Kommunikation und beschäftigt sich mit dem Einfluss der Medien auf die menschliche Wahrnehmung.

Collage aus Artikel-Überschriften zum Coronavirus zu
(c) Franziska Schwarz

Jänner 2020: Es wird zum ersten Mal über ein Virus in der chinesischen Stadt Wuhan berichtet. Der Tenor: Das ist weit weg, das betrifft uns nicht. Am 27. Februar schreibt der New York Times-Gesundheitskorrespondent Donald G. McNeil Jr., es sei gut möglich, dass jeder jemanden kennen werde, der oder die 2020 an Covid-19 erkranken werde. Der Großteil der Aussagen, die der Experte in einer Folge des Podcasts „The Daily“ trifft, ist mittlerweile eingetroffen. Wie kann es sein, dass die Gesellschaft noch im Dezember 2020 mit den wissenschaftlichen Fakten überfordert ist?

Glaube als gesellschaftliches Problem

Naturwissenschaftliche Glaubensfragen sind kein ausschließliches Problem des Individuums. Politiker und die Medien haben eine Verantwortung gegenüber Einzelpersonen, so die Expertin Sophie Lecheler. Als Beispiel dafür nennt sie die amerikanischen Tech-Giganten Google, Facebook und Co. Diese steuern den Newsfeed. Es liegt nicht in der eigenen Hand, welche Medien konsumiert werden, als Einzelperson hat man dabei weniger mitzureden als einem lieb ist.

Einstellungen sind selten völlig faktenfrei. Sie enthalten ein Amalgam aus Wissen und auf Basis emotionaler Erfahrungen aufgestellten Vermutungen. Wenn Menschen einem Thema mit Angst begegnen, dann ist das auch ein Fakt, so Lecheler. Für sie braucht es in der wissenschafts- und öffentlichen Kommunikation ganzheitliche Ansätze. Emotionen sind real und sollten nicht ignoriert werden. Wie jemand Fakten aufnimmt, ist geprägt von der eigenen Perspektive auf das Problem.

Die Normalisierung von Fake News

Die Berichterstattung über Fakten und Unwahrheiten ist eine Gratwanderung. Durch das ständige aufgreifen des Begriffes „Fake News“ wurde dieser normalisiert. Die Menge an Fake News in der Berichterstattung wird aber überschätzt, laut Lecheler. Erst durch das konstante thematisieren der Möglichkeit, dass Nachrichten falsch sind, verfestige sich die Vorstellung, dass die Nachrichten nicht wahr sein könnten.

Zweifel als psychologisches Phänomen

Das Leugnen der Existenz oder der Folgen von Corona oder des Klimawandels lässt sich durch psychologische Phänomene erklären. Eine dieser Theorien ist das „Motivated Reasoning“. Demnach wird alles getan, um zu beweisen, dass der eigene Standpunkt stimmt. Oft werden Meinungen durch Gegenargumente verschärft. Deshalb ist es auch so schwer Personen, die von etwas überzeugt sind, davon abzubringen.  Laut Lecheler hilft es, wenn die Gegenargumente von Personen kommen, denen die „Leugner“ vertrauen, da gäbe es die Möglichkeit eines Zuhörens. Oft würden aber nur Inhalte konsumiert, die die bereits bestehende Einstellung bestätigen.

Auch das Phänomen der kognitiven Dissonanz spielt beim Zweifel eine Rolle. Kognitive Dissonanz beschreibt einen inneren Konflikt. Im Fall von Corona sieht Lecheler diesen zwischen der Einstellung einer Person („Impfen ist gefährlich“) und dem medial kommunizierten Wissen („Impfen ist sicher“).

Ob die Einstellung geändert wird, hängt auch davon ab, wie extrem das eigene Weltbild bereits ist. Es macht einen Unterschied, ob sich jemand den AntiVaxxern zuordnet, also Leuten die sich nicht impfen lassen wollen, oder ein Impfskeptiker ist („Ich will mich nicht als erstes Impfen lassen, wie kann es sein, dass ein Impfstoff so schnell zugelassen wurde?“). Für Lecheler ist es unmöglich, die AntiVaxxer „zurückzuholen“. Die Impfskeptiker hingegen dürfe man nicht verlieren, sie bildeten eine große Gruppe, deren Ängste real seien und nicht ignoriert werden sollten.

Zeitung mit Cover zur Coronakrise
(c) Pexels

Ja, und die Medien

Heute sind Journalistinnen und Journalisten keine Gate-Keeper mehr, sondern Gate-Watcher. Wir leben in einer „Infodemic“, so die Kommunikationswissenschaftlerin. Es gäbe eine riesige Menge an Informationen und es brauche eine zugängliche und verständliche Wissenschaftsberichterstattung, um eine partizipatorische Gesellschaft zu ermöglichen.