Freie Musikszene in der Krise: „Es ist reine Showpolitik“

Die Sängerinnen Nicola Proksch und Amelie Hois geben einen Einblick in die aktuelle Lage von freischaffenden Musikerinnen und Musikern. Ein Gespräch über finanzielle Schwierigkeiten, den Wert von Streaming-Angeboten und die geringe Wertschätzung der Bundesregierung für Kulturschaffende.

Ein Interview von Katharina Prochart

Seit Mitte März dürfen Musiker und Musikerinnen nun nicht – bzw. nur beschränkt – auftreten. Wie ging es Ihnen zuvor und wie nachdem der erste Lockdown verkündet wurde?

Nicola Proksch: Im heurigen Beethoven-Jahr wäre heuer natürlich viel zu tun gewesen. Der Kalender war gut gefüllt, alles war wunderbar und dann kam eine Absage nach der anderen. Am Anfang dachten mein Mann und ich, dass es eineinhalb Monat dauern wird und dann ist das vorbei. Wir sind dann nach Österreich gekommen, weil wir hier ein Ferienhaus haben. Am Anfang war ich sehr motiviert, habe mich viel ans Klavier gesetzt, habe Koloraturen geübt und mein Tschechisch verbessert. Nach eineinhalb Monaten war klar, dass das Ganze noch länger dauern wird. Da bin ich in ein richtiges Loch reingefallen.

Nicola Proksch singt seit 2008 an internationalen Opernhäusern. © Instagram @nicola_proksch_official

Amélie Hois: Nach meinem Studium bin ich freischaffende Sängerin geworden, bin also Monat zu Monat an ein anderes Theater gekommen. Es war alles gut, die Karriere schien Gott sei Dank zu laufen. Von einem Tag auf den anderen kam dann der Lockdown. Ich hätte sonst noch einige Produktionen in verschiedenen Ländern gesungen und eine große Asientournee gehabt. Ich hätte die Pamina in der Zauberflöte gesungen. Dafür habe ich im Sommer die Absage bekommen.

Amélie Hois ist seit zwei Jahren als freischaffende Sängerin tätig.
© Instagram Clara Leschanz

Mit welchen finanziellen Einbußen waren Sie konfrontiert?

Nicola Proksch: Es gab massive Einkommensausfälle. Selbst wenn die Sachen irgendwann nachgeholt werden – ich kann an einem Tag ja nur einmal singen. Nachholen heißt, dass ich ein anderes Konzert dann vielleicht nicht annehmen kann. Es ist de facto ein Ausfall. Im Herbst ist dann wieder alles abgesagt worden. Die Regierung hat einen 1.300 Euro Ersatz bereitgestellt – das hat auch wirklich toll funktioniert, das war schnell da. Nur würde ich schätzen, dass viele freischaffende Künstler zu Ostern und zwischen Allerheiligen und kurz nach Neujahr fast zwei Drittel ihres Umsatzes verdienen. 1.300 Euro – das klingt viel, aber es ist natürlich weit entfernt von einem Umsatzersatz von 80 %, den zum Teil die Gastronomie oder der Tourismusbereich bekommen hat. Für Dezember wurde das Geld für die Künstler um 700 Euro erhöht. Das ist ein Witz und eine Frechheit – ich glaube um die Weihnachtszeit verdienen selbst die, die „nur“ professionell Chorsingen weitaus mehr als 700 Euro, wenn man so an Messias, Weihnachtsoratorien und die ganzen Messen und Adventkonzerte denkt, gar nicht zu reden von den Silvester und Neujahrkonzerten.

Amélie Hois: Obwohl ich freischaffend und jung bin, war ich gut unterwegs. Für mein Alter habe ich ganz gut verdient. Aber ich bin erst seit 2 Jahren in der Branche, das heißt ich konnte noch nicht sehr viel zur Seite legen, weil es immer laufende Kosten gab. Auf einmal war alles weg. Ohne die Unterstützung meines Verlobten hätte ich glaube ich nicht leben können. Er ist in derselben Branche, aber schon weiter in seiner Karriere und hat schon viel angespart.

Sind Sie mit den finanziellen Unterstützungen des Staates ausgekommen?

Nicola Proksch: Ich habe keine Unterstützung aus dem Härtefallfonds beantragt, weil mein Mann in Berlin fix angestellt ist und ich der Meinung war, dass es Künstler gibt, denen es viel schlechter geht. Obwohl ich mir wirklich überlegt habe, für Dezember um Unterstützung anzusuchen, weil mein Umgangsrückgang dermaßen eklatant ist, dass es sich ohne dem nicht ausgehen wird.  Aber die Sozialversicherung ist in Österreich toll.  Einen Aufschub hat sie in der Sekunde bewilligt. Ich bin also trotzdem versichert, auch wenn ich jetzt nichts bezahlt habe. Ein großes Lob an die SVS.

Amélie Hois: Es gab Unterstützungen, im ersten Lockdown war das auch sehr schnell da. Das war aber nicht viel, 700 Euro. Davon bezahlst du grade einmal die Miete, aber ok. Von März bis Dezember habe ich jetzt insgesamt 3.800 Euro bekommen. Es ist besser als in anderen Ländern. Aber trotzdem – was sind schon 3.800 Euro für diese ganzen Monate?

Sie haben beide das Glück, von Ihrem Partner unterstützt zu werden. Wie kommen Kolleginnen und Kollegen finanziell durch die Krise, die von niemandem unterstützt werden?

Nicola Proksch: Wirklich hart hat es die getroffen, die sowieso im Prekariat leben, die sich von Geschäft zu Geschäft hanteln, die vielleicht gar keinen Zugriff auf den Künstlersozialversicherungsfonds haben, der wirklich Geld bereitgestellt hat. Ich kenne durchaus Kollegen, die ihre Ersparnisse aufgezehrt haben – typischerweise Chorsänger, die mit verschiedenen Geschäften irgendwie über die Runden gekommen sind. In jedem anderen Beruf würden sie wahrscheinlich mehr Geld machen, aber sie machen das, weil sie wirklich mit ihrem ganzen Herzblut Sänger sind.

Amélie Hois: Ganz viele meiner Kommilitonen haben sich ein zweites Standbein gesucht. Sie lehren zum Beispiel online oder haben begonnen, in einem Callcenter zu arbeiten. Ich arbeite jetzt nebenbei in einer Kirche mit Jugendlichen. Es ist eine wirklich schwierige Situation – weil du einen Job finden musst, der so flexibel ist, dass du dann singen kannst, wenn es wieder anläuft. Ein Freund von mir hat es ganz gelassen, Corona hat ihm komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. Eine Freundin, die in der Branche schon etabliert ist, hat angefangen, Englisch zu unterrichten. Die singt in den großen Theatern und lehrt jetzt Englisch in Italien. Man muss extrem flexibel sein und wissen, wann die Zeit ist, etwas anderes zu machen.

„Die Stars sind die einzigen, die jetzt singen“

Amélie Hois

2018 wurde vom Kulturministerium eine Studie in Auftrag gegeben, um die Situation von Kulturschaffenden zu analysieren. Das Ergebnis: Viele Künstlerinnen und Künstler leben in prekären Verhältnissen. Können Sie das aus eigener Erfahrung bestätigen?

Nicola Proksch: Dass Künstlerinnen und Künstler in Österreich schon seit Jahren ins Prekariat hineingetrieben wurden, das ist ein Fakt. Ich kenne viele Kollegen, die von kleinen Auftritten da und dort leben.

Amélie Hois: Das hängt sehr davon ab, wo du in deiner Karriere stehst. Ganz am Anfang bist du froh, wenn du überhaupt Auftritte hast. Du brauchst viel Durchhaltevermögen, eine harte Schale und lebst von Job zu Job – für wenig Geld. Die, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, hat es jetzt am härtesten getroffen. Und die, die eh schon einen Namen haben, die Stars: Das sind die einzigen, die jetzt singen.

„Wir dürfen jetzt in Wahrheit umsonst arbeiten“

Nicola Proksch

Viele Musikerinnen und Musiker haben im Lockdown Videos veröffentlicht oder online gestreamt. Was ist Ihre Einschätzung – viel Arbeit, wenig Ertrag? Oder bringt das doch etwas?

Nicola Proksch: Genau, streamen dürfen wir, das heißt wir dürfen jetzt in Wahrheit umsonst arbeiten. Für Streams gibt es eigentlich kein Geld. Nicht bei allen Veranstaltern natürlich, aber die kleinen können sich das nicht leisten, weil sie von den Einnahmen abhängig sind. Du bleibst im Gespräch, aber verdienst nicht daran.

Amélie Hois: Wir haben solche Videos auch gemacht – es ist unfassbar viel Arbeit. Aber als Künstler musst du immer präsent sein. Du bekommst kein Geld dafür, zeigst nur: „Ich bin noch da“. Für mich hat es sich im Endeffekt aber ausgezahlt, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe auf einmal ziemlich viele Anfragen bekommen – für Interviews zum Beispiel.

Was macht das mit der Gesellschaft, wenn Kunst plötzlich rund um die Uhr und gratis verfügbar ist? Wird der Wert der Kunstprodukte dadurch nicht geschmälert?

Nicola Proksch: Gut ist, was sie in Schweden gemacht haben. Da kauft man eine Karte fürs Streaming, dann bekommt man einen Link. Danach ist die Vorstellung weg. Warum sollen wir das 24 Stunden öffentlich lassen? Wenn ich ins Konzert gehe, ist das ein einmaliges Erlebnis. Ist für unsere Netflix-verwöhnte Gesellschaft, für die alles permanent verfügbar ist, vielleicht ungewohnt. Aber ich glaube, das könnte den Wert wieder erhöhen. Denn was nichts kostet, ist nichts wert. Ich glaube, es muss wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, dass Kunst – auch wenn sie online ist – trotzdem Kunst ist und die Künstler viele Stunden Arbeit investieren.

Amélie Hois: Problematisch ist es glaube ich vor allem für Pop, Musical, Rock, Jazz – überall dort, wo man Mikrofone verwendet. Da ist es glaube ich ein großes Problem, du kannst ja alles gratis anhören. Bei der Oper ist es aber nie die gleiche Erfahrung, Opernstimmen kommen da nicht so zur Geltung. Bei den anderen Branchen ist es ein großes Problem, den Leuten ist das glaube ich einfach gar nicht bewusst. Es verliert an Ansehen und der Wert wird geringer.

„Das Problem ist die Politik“

Amélie Hois

Zur der Frage nach dem Wert von Kunst und Kultur: Österreich brüstet sich gerne damit, eine „Kulturnation“ zu sein. Auch international ist Österreich als Kulturland bekannt. Fühlen sich die Künstlerinnen und Künstler in der aktuellen Krise wertgeschätzt?

Nicola Proksch: Wertschätzung ist überhaupt nicht da. Und so wie es der Staat vorlebt, so sehen es dann auch die Leute.  Viele dürfen wieder arbeiten und dabei fällt gar nicht auf, dass wir Künstler – mit wenigen Ausnahmen – seit März ein Berufsverbot haben. Während wir dann wieder arbeiten durften, konnte trotzdem nur ein kleiner Bruchteil der Veranstaltungen stattfinden. Einerseits wegen der Sicherheitskonzepte, überwiegend aber, weil es sich mit den Beschränkungen für die Veranstalter gar nicht gerechnet hätte. Mit Glück hat im Sommer und Herbst vereinzelt etwas stattgefunden – ich habe zum Beispiel eine konzertante Opernaufführung am Chopin Festival in Warschau gesungen – in der Tat mein einziger „richtiger” Auftritt seit Corona. Nichtsdestotrotz arbeiten wir „im Stillen“ weiter, der Geiger muss trotzdem seine Fingerübungen machen, der Koloratursopran muss Koloraturen üben. Wir haben so gehofft, dass Sachen stattfindet – wir haben vorbereitet, es wird geprobt. Wir wissen nur nicht, ob wir es aufführen dürfen.

Amélie Hois: Von Seiten der österreichischen Politik kommt kaum Wertschätzung für Kultur und die  Kulturschaffenden. Und das in einem Land, das sich seine Künstler und Künstlerinnen so gerne an die Fahnen heftet, in dem Bereich auch viel Umsatz macht. Ich glaube aber, dass die Kultur von der österreichischen Gesellschaft relativ hochgeschätzt wird. Wir sind ein Kulturland, ich kenne viele Menschen, die sich für die Kultur einsetzen, ohne selbst Künstler zu sein. Das Problem ist die Politik.

Was läuft aus politischer Sicht falsch? 

Nicola Proksch: Es zeigt sich das Kunstverständnis der Regierung, und nicht zuletzt vor allem auch des Bundeskanzlers. Erneut kann man auch wieder erleben, was die Gastronomie schon seit Jahren beklagt: Es wird den Einzelnen umgehängt, Sicherheitskonzepte zu erstellen – in der Gastronomie war es die Glastür beim Raucherbereich. Keine Frage – ich finde das natürlich gut, aber die Art wie es gemacht wurde, ist falsch. Bei uns ist es genau dasselbe: Die Theater und die Opernhäuser, auch die Kirchen, haben sich Sicherheitskonzepte überlegt. Dann kommt die Regierung und sagt: „Aber die Schließung ist alternativlos.“ Die Schließung der Konzerthäuser hat in Wirklichkeit nichts gebracht, weil sich die Leute dort nachweislich nicht angesteckt haben, das haben sie bei den Salzburger Festspielen dieses Jahr hinlänglich bewiesen. Es ist eine reine Showpolitik, nichts anderes.

Amélie Hois: Von der Politik kommt kein Verständnis. Dass unser Bundeskanzler die Leute als „Kulturverliebte“ bezeichnet – das  ist nicht nur frech, sondern einfach unmöglich. Wir bringen viel Geld in dieses Land. Der einzige Fokus der Regierung liegt aktuell auf dem Weihnachtsgeschäft, das ist unfassbar.

Was macht die Regierung hier konkret falsch?

Nicola Proksch: Was die Regierung grundfalsch macht – sie gibt keine Planungssicherheit. Und das betrifft nicht nur uns, das betrifft natürlich auch die Gastronomie und den Tourismus ganz stark. Und das hängt natürlich auch alles zusammen –  in Wien spürt man das extrem. In der Staatsoper sind nicht mal die beschränkten Plätze ausverkauft – weil Touristen fehlen.

Amélie Hois: Alle Theater, die ich kenne, stehen in der Luft. Sie haben geprobt und können die Vorstellungen nicht machen. Man kann Null planen. Man hofft, dass es irgendwann im Februar wieder losgeht, aber sicher ist nichts.

Angenommen die Konzert- und Opernhäuser öffnen Ende Februar tatsächlich wieder und die Anzahl der erlaubten BesucherInnen wird – wie nach dem ersten Lockdown – erst nach und nach angehoben. Rentiert sich das überhaupt?

Nicola Proksch: Ich blicke sehr pessimistisch in die Zukunft. Musiker in der freien Szene sind abhängig davon, dass die Konzerthäuser voll sind. Selbst wenn 200 Leute erlaubt sind, geht sich das meist wirtschaftlich nicht aus. Auch hinsichtlich der Sponsoren ist es problematisch: Wenn man weiß, dass wenig Leute reindürfen, zahlt man weniger. Außerdem haben die Sponsoren selbst auch weniger Geld. Ich würde auch nichts sponsern, wo ich mir nicht sicher bin, ob es überhaupt stattfinden wird.

Amélie Hois: So macht man wieder Verluste, weil die Produktion ja trotzdem bezahlt werden muss. Oder die Künstler müssen dran glauben und verdienen sehr wenig. Auch was die Zeit danach angeht, bin ich eher pessimistisch. Ich glaube es braucht viele Jahre, bis sich die Kulturbranche wieder erholt hat. Gerade die klassische Musikwelt, die hatte es davor ohnehin schon schwerer, weil das junge Publikum fehlt. Das heißt aber nicht, dass man jetzt aufgeben sollte, wir müssen uns wahrscheinlich alle auf Veränderungen einstellen.

Was wären Ihre Ideen, der Kulturbranche und vor allem den freischaffenden Musikern und Musikerinnen wieder auf die Beine zu helfen?

Nicola Proksch: Es gibt gute Initiativen – das Konzerthaus in Berlin hat zum Beispiel ein paar Termine zur Verfügung gestellt, da konnte man sich als freischaffender Künstler bewerben. Sie stellen das Konzerthaus, die Werbung, die Säle zur Verfügung und den Eintritt können sich die Künstler behalten. Das finde ich eine ganz tolle Aktion, ich würde anregen, dass die österreichischen Konzerthäuser das auch machen.

Amélie Hois: Damit die klassische Musikbranche nicht untergeht, könnte der Staat jedem Bürger ein Ticket zahlen, für die Oper oder ein klassisches Konzert. Um zu zeigen – es gibt uns noch! Vielleicht wird das Interesse damit wieder geweckt. 

Zu den Interviewpartnerinnen: 

Nicola Proksch studierte an der Musikuniversität Wien und beendete ihre Ausbildung an der Universität Ostrava, Tschechien. Seit 2008 ist sie als freischaffende Sängerin an internationalen Opernhäusern zu hören. 
Instagram: @nicola_proksch_official
Youtube: ProkschN

Amélie Hois wurde 1994 in Wien geboren. Sie studierte Gesang an der Universität Mozarteum in Salzburg und ist seit ihrem Abschluss im Jahr 2018 als freischaffende Opernsängerin in verschiedenen Produktionen im In- und Ausland tätig. 
Instagram: @ameliehois
Youtube: Amélie Hois