„Ohne Musi ka Geld“

Die freie Musikszene im Lockdown

Das neuerliche Veranstaltungsverbot zwingt eine Berufsgruppe in die unfreiwillige Pause, die ohnehin oftmals prekär beschäftigt ist: die freischaffenden Musikerinnen und Musiker. Ab voraussichtlich Ende Februar dürfen kulturelle Veranstaltungen wieder stattfinden – doch die Krise der Kulturbranche endet damit nicht.     

Text von Katharina Prochart

Generalpause – so bezeichnet man in der Musiksprache eine Unterbrechung, die in einem Stück alle Stimmen gleichzeitig verstummen lässt. Die Regierung schickte das kulturelle Leben in Österreich mit Anfang November zum zweiten Mal in die Generalpause – bis mindestens Ende Februar bleiben sämtliche Kultureinrichtungen geschlossen. Das trifft vor allem freischaffende Musikerinnen und Musiker, die seitdem erneut kaum Einkommensmöglichkeiten haben.

Keine Konzerte bis mindestens 24.Jänner. Mittlerweile wurde das Veranstaltungsverbot bis mindestens Ende Februar verlängert. Quelle: Twitter Musikverein Wien

Laut einer Erhebung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) ist über ein Viertel der im Kulturbereich Erwerbstätigen selbstständig. Im Gegensatz zu festangestellten Künstlerinnen und Künstlern haben diese kein gesichertes Einkommen, wodurch sich im Rahmen der Coronakrise gravierende ökonomische Konsequenzen ergeben.

Prekäre Situation trotz staatlicher Unterstützung

Viele freie Musikschaffende sind seit mehreren Monaten von staatlichen Finanzhilfen abhängig. Besonders zu Beginn des ersten Lockdowns führte das Krisenmanagement der Regierung und die Hilfen für Künstlerinnen und Künstler zu scharfer Kritik von Kulturschaffenden, Interessensvertretungen und Opposition.

Im Laufe der Krise wurden die Hilfen aufgestockt, wodurch sich die Situation vieler Betroffener verbesserte. Freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die bei der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS) versichert sind, können aktuell bis zu 10.000 Euro aus dem Überbrückungsfonds beantragen, wenn sie ihre laufenden Kosten nicht mehr decken können oder die Weiterführung ihrer künstlerischen Tätigkeit gefährdet ist. Zusätzlich stellt die SVS einen „Lockdown-Bonus“ von insgesamt 2.000 Euro bereit. Die Wirtschaftskammer Österreich ermöglicht bei einem Umsatzeinbruch von mindestens 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr den Zugang zum Härtefallfonds, der Betroffenen bis zu 90 Prozent des Nettoeinkommens des vergangenen Geschäftsjahres erstattet. Außerdem gibt es noch weitere Finanzhilfen, beispielsweise durch den Künstlersozialversicherungsfonds und indirekte Unterstützungsmaßnahmen wie den Aufschub von Sozialversicherungsbeiträgen.

Trotz Aufstockung der staatlichen Unterstützungen befinden sich viele Betroffene weiterhin in einer finanziell angespannten Situation. Denn nicht alle freischaffenden Künstlerinnen und Künstler haben Anspruch auf die gleichen Unterstützungen, wie Philip Yaeger, Posaunist und Vorstandsmitglied der Interessensgemeinschaft Freie Musikschaffende (IGFM) erklärt: „Mittlerweile gibt es wenige, die gar keinen Anspruch auf Unterstützung haben. Jedoch muss man das etwas genauer betrachten: Künstler und Künstlerinnen, die 2019 ein finanziell erfolgreiches Jahr hatten, können mittels WKO-Härtefallfonds bis zu 2000 Euro im Monat beziehen. SVS-Versicherte können für den Zeitraum vom April bis Jahresende bis zu 12.000 Euro bekommen, was ca. 1.300 Euro pro Monat entspricht – also ziemlich genau an der Armutsgrenze. Musiker und Musikerinnen, die nicht bei der SVS versichert sind, können für den Zeitraum zwischen April und Jahresende nicht mehr als 3.500 Euro bekommen. Das sind zum Beispiel Mitversicherte, alleinstehende Studierende und Menschen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen: Die vulnerabelste Gruppe.“ Yaeger betont zudem, dass die staatlichen Hilfen die Situation von Betroffenen grundsätzlich zwar verbesserten, in vielen Fällen aber in keinem Verhältnis zu dem finanziellen Verlust durch die Krise stünden.

Die Interessensgemeinschaft IG Freie Musikschaffende setzt sich für eine Verbesserung der Situation freischaffender Musikerinnen und Musiker ein. Quelle: Twitter mica- music austria

Besonders hart treffen die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen jene freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die ohnehin schon prekär beschäftigt sind. Laut einer Studie, die das Bundeskanzleramt 2018 zur Analyse der sozialen Lage von Kunst- und Kulturschaffenden in Österreich in Auftrag gab, betrifft dies einen großen Teil der Kunst- und Kulturschaffenden in Österreich. Das Einkommen von Kunst- und Kulturschaffenden ist in vielen Fällen „unregelmäßig, schwer planbar und von eher geringer Höhe“. Zudem ist in der Studie von einem „deutlich unterdurchschnittlichen Lebensstandard relativ vieler Kunstschaffender in Österreich“ die Rede.

Langer Weg zurück

Nach aktuellem Stand dürfen Kulturstätten Ende Februar wieder öffnen. Doch die Branche wird auch danach noch länger mit Problemen zu kämpfen haben. Dass bestimmte Beschränkungen bestehen bleiben werden, kündigte Vizekanzler Werner Kogler bereits an.

Die Wiener Staatsoper bleibt bis voraussichtlich 24. Jänner zu. Planungssicherheit gibt es nach wie vor kaum. © Instagram @wienerstaatsoper

Auch die eingeschränkte Reisefreiheit und der damit verbundene Rückgang des Tourismus trifft die Kulturbranche hart. Der Tourismus ist in Österreich eng mit dem Kultursektor verwoben, weshalb das Ausbleiben von Touristen zu einem starken Rückgang von Nachfrage und Wertschöpfung im Kulturbereich führt. Auf der anderen Seite betreffen die Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen Musikerinnen und Musiker oft direkt, weil sie internationale Auftritte erschweren bzw. zum Teil verunmöglichen. Planungssicherheit wird es in diesem Bereich also auch nach der Öffnung der Kulturstätten kaum bis gar nicht geben – was vor allem die Situation der freischaffenden Musikerinnen und Musiker weiterhin unsicher gestalten wird.

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