Prepper: Die Grenze zwischen Zivilschutz und Verschwörungstheorien

Die Krise ist ihre Zeit: Jahrelange Vorbereitung auf das Unvorhersehbare macht sich jetzt bezahlt. Von der Gesellschaft werden sie dafür stigmatisiert: Prepper. Dabei bewegen sie sich zwischen Zivilschutz und Verschwörungstheorie. Doch wo liegt die Grenze?

Von Katharina Pagitz, Martin Ziniel und Adrian Zerlauth

Sie stehen mittlerweile wöchentlich vor der Wiener Hofburg. Ohne Mindestabstand und ohne Masken propagieren sie ihre ganz eigenen Meinungen: Aussagen wie „Das Coronavirus ist eine Lüge”, „Die Pandemie wird von den Elitären genutzt, um das Volk in eine Diktatur zu zwängen” oder „Die Pandemie wurde im Labor gezüchtet” sind nur einige der harmloseren Theorien der Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker oder Querdenker, wie sie sich selbst bezeichnen.

International, aber auch in Deutschland und Österreich ziehen Verschwörungstheorien einen großen Kreis von Menschen an. So auch Menschen, die sich seit Jahren auf den sogenannten „Tag X” vorbereiten – der Tag, an dem das politische, gesellschaftliche und infrastrukturelle System zusammenbricht: sogenannte Prepper. Diese „Doomsday-Prepper” gehören zu einer bestimmten Verschwörungs-Strömung innerhalb des Preppertums. Doch sind alle Prepper auch Verschwörungstheoretiker? Das Spektrum der Prepper-Community ist breit: Vom Abenteuer in der Natur, über Krisenvorsorge und Zivilschutz, bis hin zu rechtsextremen Verschwörungstheorien ist in der Szene alles vertreten. In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Preppertum oft mit Verschwörung und Rechtsextremismus assoziiert und stigmatisiert. Doch wo liegen die Grenzen zwischen Preppern, Krisenvorsorge, Zivilschutz und Verschwörung?

Facettenreiche Definition

Der Begriff Prepper ist angelehnt an den englischen Begriff „be prepared“ und bedeutet sich vorzubereiten. In der Regel handelt es sich um Personen, die sich für diverse Krisensituationen wappnen, meist durch Einlagerung von Lebensmittelvorräten und die Beschaffung unterschiedlichster Utensilien, unter anderem auch Waffen. Dadurch soll im Falle einer Katastrophe das eigene Überleben gesichert werden. Auch in Österreich herrscht reges Interesse am Preppen. Rund 2.600 registrierte User verzeichnet Austrian Preppers, eine der größten Prepper-Websites Österreichs, derzeit.  Hier tauscht man sich über Notfall- und  Ausstattungspläne aus und verweist auf drohende Gefahren aus dem In- und Ausland. 

Doch beim Preppen kommt es nicht primär darauf an, sich auf den Weltuntergang vorzubereiten. In erster Linie liegt der Fokus der österreichischen Gruppierung auf Blackouts und Szenarien, in denen Menschen für mehrere Tage auf sich allein gestellt sind; zum Beispiel im Zuge von Krankheiten, Viren oder Kriegen. Historisch gesehen ist das kein Novum: Vor allem in Kriegszeiten, wie zum Beispiel während des Kalten Krieges, wappneten sich viele für Ausnahmesituationen. In einigen Bundesländern war es zum Beispiel auch Pflicht, einen Schutzbunker bei Neubauten zu errichten. 

Laut Ben Pilcher preppen viele Menschen, ohne es überhaupt zu wissen. Es gehe um die individuelle Vorbereitung auf außergewöhnliche Situationen – Worauf genau, ist laut dem Betreiber des Forums Austrian Preppers eine persönliche Definition. Darunter fällt auch die private Bewaffnung von deutschen Bundeswehr-Reservisten, die sich laut taz-Recherchen auf einen „Rassenkrieg” vorbereiten wollten. Jedoch gilt zu unterscheiden: Nicht jeder Prepper ist rechtsextrem oder Anhänger einer Verschwörungstheorie. Dennoch wird dies in den Medien oft so dargestellt.

Durch die Medien gezeichnet

Die Szene leide darunter, dass Mitglieder schnell als Sonderlinge und Verschwörungstheoretiker dargestellt werden, wie Martin Mollay weiß. Der Survival-Coach und Prepper gibt seit Jahren Überlebens-Kurse, die bei der Vorbereitung auf Katastrophen helfen sollen. Vor allem Pauschalurteile seien ein Problem, da es nicht die eine Gruppe an Preppern gebe. Unterschiedliche Gruppen bereiten sich auf unterschiedliche Szenarien vor und benötigen daher unterschiedliche Utensilien und Eigenschaften. Mollay trennt daher zwischen Survivalists und Preppern. „Beim Preppen kommt im Gegensatz zum Survival-Training das Szenarien-Training ein bisschen zu kurz. Das heißt, man deckt sich zwar mit wichtigen Dingen ein, übt aber deren Einsatz zu wenig.“ Es sei aber wichtig, sich auch mental und physisch auf Ausnahmesituationen vorzubereiten. 

In Summe bereiten sich aber beide Gruppierungen darauf vor, für einige Tage ohne jegliche Hilfe überleben zu können. Mollays Meinung nach hat das Corona-Virus kein steigendes Interesse am Preppen hervorgerufen, ganz im Gegenteil: Seiner Wahrnehmung zu Folge sei dieses sogar gesunken. „Mir scheint, dass man sich nicht mit der Realität auseinandersetzen möchte“. Nur die Medien hätten sich aufgrund der Lage auf das Thema gestürzt und es vermehrt in den Fokus gerückt. Gestiegen sei seiner Einschätzung nach jedoch die Bereitschaft innerhalb der Szene, sich eine Waffe zuzulegen. „Das liegt vor allem daran, dass in den vergangenen Jahren das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen stark abgenommen hat“, erklärt der Survival-Coach. Tatsächlich stieg die Zahl der verkauften Schusswaffen laut ORF in den letzten Jahren an.

Strenge Regeln für den Prepper-Stammtisch

Bei Austrian Preppers hingegen verzeichnete man Anfang März 2020, zu Beginn des ersten Lockdowns in Österreich, einen „sprunghaften Anstieg” der Nutzerzahlen. Interesse an der Krisenvorsorge im privaten Bereich stieg bei den Forenthemen. In den Monaten danach haben sich die Mitgliederzahlen des Prepper-Forums jedoch schnell wieder auf das „Vorkrisenniveau“ eingependelt, sagt Ben Picher. Die Themen bei Austrian Preppers variieren stark. Dort tauschen sich die Mitglieder unter anderem über aktuelle Corona-Entwicklungen, konservieren von Lebensmitteln, Notstromaggregate aus. Verschwörungstheorien sind dort keine zu finden. 

Auf der Plattform von Ben Pilcher haben Verschwörungstheorien nämlich grundsätzlich nichts verloren – solche Beiträge verstoßen gegen geltende Forenregeln. Laut Pilcher gehe man rigoros gegen Verschwörungstheoretiker vor und versuche solche Themen im Keim zu ersticken. Wenn Verschwörungstheorien auch nur erwähnt werden, würden sie sofort entfernt werden, erklärt Pilcher. Dass das Preppertum aktuell in die Nähe von Verschwörungstheorien gerückt wird, hängt laut Ben Pilcher von der medialen Berichterstattung ab. Die Medien zeichnen ein Prepper-Bild, welches in Österreich gar nicht existiere. Oft ist es der Fall, dass sich österreichische Medien an extremen Prepper-Bildern anderer Länder orientieren.

(c) Screenshoot Austrian-Preppers.at

Vor allem der US-amerikanischen und deutschen Szene wird eine Nähe zu Rechtsextremen, Rassisten und Verschwörungstheoretikern nachgesagt, die sich zum Teil auf bürgerkriegsähnliche Zustände vorbereiten. In Deutschland steht die Prepper-Szene daher unter Beobachtung des Bundesverfassungsschutzes. Aber auch in Österreich ist laut Standard die Szene den Behörden bekannt. Mollay besteht jedoch darauf, dass die österreichische Gruppierung weitaus gemächlicher sei, als jene in Deutschland oder den USA. „Ich glaube aber, dass die Szene durchaus auch anfällig für Verschwörungstheorien ist“, gibt er sich dennoch selbstkritisch. Das Problem sei, dass viele aus Furcht handeln würden. „Wenn ich Angst habe, bin ich anfälliger für solche Theorien“. 

Anfällig für Verschwörungstheorien

Auch Lambert Jaschke, Referent für Weltanschauungsfragen der Diözese Gurk, stimmt dem zum Teil zu. „Abgesehen von selten vorkommenden pathologischen Gründen, neigen unter anderem Menschen, die sich hilflos und ohnmächtig fühlen, dazu Verschwörungstheorien Glauben zu schenken“. Der Theologe beschäftigt sich im Zuge der Initiative „Manche glauben…“ mit unterschiedlichsten Verschwörungstheorien. Personen, die besonders autoritär erzogen werden, oder ein dualistisches Weltbild aufgebaut haben, seien durchaus anfällig dafür, in solche Kreise abzurutschen. Grund dafür sei etwa, dass man nach einfachen Erklärungsmustern suche und die Ereignisse auf wenige Schuldige reduziere. „Zum Teil stützen sich diese auf Fake News, Halbwahrheiten oder sogenannten ,alternative Medien‘, die als Beleg dienen“, erklärt Jaschke weiter. Vor allem Krisensituationen  führten dazu, dass in einem höheren Ausmaß Verschwörungsideologien verbreitet werden, da man sich oftmals hilflos fühlt. 

Verschwörungstheorien habe es zwar schon immer gegeben, aber in den letzten Jahren sei deren Verbreitung vor allem durch das Internet und die sozialen Netzwerke enorm beschleunigt worden. „Problematisch ist auch, dass sich Suchmaschinen an das Suchverhalten der Nutzer anpassen und ähnliche Ergebnisse anzeigen. Das verstärkt die Entstehung sogenannter Filterblasen und Echokammern. Das heißt, dass die Person in ihren Überzeugungen bestärkt wird und sich nur mehr im Kreis Gleichgesinnter bewegt“, erklärt der Theologe. Auch während Corona wird dies gut sichtbar: Vor allem Telegram und YouTube dienen als Plattformen für unterschiedlichste Verschwörungstheorien. Entgegensteuern könne man, indem man bereits in der Schule Medienkompetenz lehre. 

Warum gerade so viele Verschwörungstheoretiker auf Telegram ausweichen und wie man im Netz gegen Verhetzung und Fake News vorgehen sollte, wird hier im Gespräch mit Social Media Expertin Marion Breitschopf erklärt:

Make Österreich „krisenfit“ again

Einen ähnlichen, aber gleichzeitig anderen Ansatz wird bei der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) verfolgt. Laut Präsident Herbert Saurugg verfolgen Prepper, sowie die GfKV ähnliche Zielsetzungen: „Die Vorsorge auf unerwartete Ereignisse/Krisen“. Die Gesellschaft für Krisenvorsorge versucht Österreich „krisenfit” zu machen. Sie beschreiben sich als überparteiliche Plattform, die versucht „robuste kommunale Infrastrukturen auf Gemeinde-Ebene zu schaffen und die Resilienz der BürgerInnen zu verbessern“. Als Musterbeispiel gilt ein sogenannter Blackout, ein großflächiger Ausfall von Strom und Infrastruktur und der damit folgenden Krisen in unterschiedlichen Bereichen, wie zum Beispiel Lebensmittelversorgung oder Kommunikation.

Mit Preppern habe man aber relativ wenig am Hut, erklärt Saurugg. Laut ihm gehen Prepper davon aus, dass sich nur wenige Menschen so intensiv auf eine Krise vorbereiten, wie sie und damit mit schnellen sozialen Eskalationen rechnen. Das unterstreicht auch Ben Pilcher von Austrian Preppers: „Prepper bereiten sich meist darauf vor eine Krisensituation mit so wenig Einbußen an Lebensqualität, wie möglich zu überstehen. Deshalb befassen sie sich auch detaillierter mit der Krisenvorsorge als der Durchschnittsbürger.“ Im Gegensatz dazu möchte die GfKV das Bewusstsein der Masse bilden, sich zu vernünftigen Krisenvorsorge zu bekennen und diese auch umzusetzen. Dadurch würde das Preppertum seinen Exotenstatus verlieren, sagt die GfKV. Für Herbert Saurugg ist Prepper nicht gleich Prepper. Es gäbe verschiedenen Ausprägungen im Preppertum, die vom Abenteuer Charakter bis bis hin ins „rechte Eck“ reichen. 

Ist der Staat vorbereitet?

Was passiert, wenn der Zeitpunkt eintrifft, an dem eine Krise das System und die Strukturen, wie wir sie kennen umkrempelt? Die GfKV vertraut an bei diesem Punkt nicht zu hundert Prozent dem Staat. Hier, ähnlich wie bei der grundsätzlichen Überzeugung von Preppern, ist eine gewisse Vertrauens-Skepsis gegenüber staatlichen Strukturen gegeben: „Der Staat sind wir alle und der ,Staat’ als staatliche Strukturen ist überhaupt nicht auf weitreichende vernetzte Krisen vorbereitet, wie wir gerade in den letzten Monaten mehr als deutlich vor Augen geführt bekommen haben.“, erklärt Präsident Herbert Saurugg. Aufgrund dessen, dass heutzutage alles einwandfrei funktioniere, nehme die Bevölkerung Krisenvorsorge nicht mehr so stark wahr. Es gäbe heute deutlich weniger Rückfallebenen. Dieser Meinung ist auch Ben Pilcher: „Durch die vielen Jahrzehnte an Überfluss und Frieden sind die privaten aber auch die staatlichen Selbstversorgung Maßnahmen Schritt für Schritt abgebaut worden.“

Krisenvorsorge und Preppertum sind sich in ihren Grundsätzen sehr ähnlich, sollten jedoch durch ideologische Anschauungen unterschieden werden. Auch in den Kreisen der GfKV habe man nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, sagt Herbert Saurugg. Im Zusammenhang Prepper und Verschwörungstheorien appelliert Saurugg daran, dass „hier nicht zusätzlich zu einer Polarisierung und Stigmatisierung von Einzelgruppen beigetragen werden sollte.“ Es würden zu schnell Blasen gebildet und dadurch die Fronten verhärtet werden. Eine gefährliche Stimmung braue sich hier zusammen.

Prepper als Grenzgänger?

Dass diese Stimmung auch sehr schnell kippen kann, wird anhand der aktuellen Situation in den USA aber auch in Europa deutlich: Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten und Populisten stürmen Regierungsgebäude und organisieren sich in ihren Filter-Blasen, um Informationen auszutauschen. Die Grenzen im öffentlichen Diskurs werden immer härter, die Grenzen innerhalb des Preppertums, Zivilschutzes und der Verschwörungstheorien immer dünner. Deswegen gilt es Verallgemeinerungen zu vermeiden. In einigen Aspekten überschneiden sich die Grundsätze von Zivilschutz und Preppertum, wie etwa die Vorbereitung auf Krisen oder der Vertrauensverlust in den Staat. Dennoch gibt es in der Prepper-Szene unterschiedliche Strömungen. Während die einen Konservendosen und Klopapier horten, werden andere vermutlich nächste Woche wieder vor der Hofburg stehen.

Beitragsbild | Adrien Delforge | Unsplash