Gesellschaft auf Abstand

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Die Pandemie wird uns noch geraume Zeit verfolgen. Sie rüttelt an falschen Sicherheiten, an Lebenseinstellungen, an Plänen, an Konzepten. Sie drückt aufs Gemüt, hält zurück, läuft in den Systemen der Menschen wie eine Schadsoftware, saugt Energie ab.

Sie nimmt uns Nähe, Zuneigung, Kontakt. Und sie nimmt die Ventile, durch die der Druck unserer fordernden und überforderten Gesellschaft abgelassen wird. Jene Orte, wo Ängste zu Exzessen werden, wo Nervosität betäubt wird, wo Sorgen in Jubelschreien untergehen. Jene Momente, für deren Erleben Abermillionen Menschen tagtäglich leichter aufstehen. Momente, die Belohnung und Kompensation sind für Monotonie, Langeweile und Seelenlosigkeit in Büros, Werkhallen, Lesesälen, und auf Baustellen.

Zeltfeste am Land, Musikfestivals, Faschingsfeiern, Clubnächte, besoffene Beichten auf Resopaltischen. Busfahrten zum Auswärtsmatch, Chorausflüge – allesamt gestrichen. Hier leben Menschen oft ihre stärksten Emotionen aus, befreien sich von Zwängen und können bis zum Kater am nächsten Tag – gesellschaftlich akzeptiert – anders sein, jemand anderes sein. Was passiert jetzt mit all dem Frust, all der Angst, all der Freude, die ihren Weg nach draußen nicht mehr findet?

Der Verlust der Nacht: Clubnächte bis auf weiteres gestrichen. c/ Jerome Govender, pexels.com

Das Fest, sei es als Fußballmatch, Auftritt des Lieblings-DJs, Trachtenkonzert oder Hochzeitsfeier, erfüllt aus kulturwissenschaftlicher Sicht seit Jahrtausenden die folgenden Funktionen:

Spontanes und emotionales Verhalten ist nicht nur erlaubt, nein, sogar erwünscht. Die Ekstase, die Verzückung, die Einzigartigkeit löst den Handlungsdruck, das ständige Planen und die Sorge ab. Es entsteht ein Gefühl des Aufgehens in der Gegenwart, Leben im Hier und Jetzt. Der große Soziologe Emile Durkheim sah im Fest die Züge von religiösen Zeremonien, die momentane Rückkehr in das schöpferische Chaos der Ursprungszeit. Körperliche Nähe, Ausgelassenheit, Überdrehtheit führen in die Nähe der Ekstase. Alkohol, Drogen, Sinnesreize durch die Ausstattung der Räume und die passende Musik (sei es Gabalier oder Minimal Techno): So wird alles zu einem Rausch in einer schwebenden, erfrischend anderen Atmosphäre. Hemmungen werden abgebaut, Zwischenmenschlichkeit und Sexualität werden gesucht und vielleicht auch gefunden: Subtil oder im schlechtesten Fall missbräuchlich.

Inbegriff eines Volksfestes: Münchner Oktoberfest, 2003. Quelle: WikiCommons

Jeden Freitagabend zogen in der Welt vor dem Frühjahr 2020 Millionen in die Bars, Gasthäuser, Clubs, Festzelte, Bierhallen, Tschocherl, Branntweiner, Bordelle und Konzert-Locations. Es gab immer was zu feiern und nach dem Wieder-Aufmachen war die Ausgezehrtheit der Menschen greifbar. Ein trügerischer, halblockerer Sommer ist jetzt wieder Vergangenheit. Der Lockdown hat uns wohl bis Ende Jänner wieder, Müdigkeit und Resignation steigen. Der Alltag wird betrüblicher, verstärkt durch die Jahreszeit. Yoga und Hygge, neue Beschaulichkeit sind die oft unzureichenden Ausflüchte der Bessergestellten. Was tun, wenn der Alltag drückt und die sogenannte Freizeit nur eine enge Wohnung zu bieten hat? Depressive Symptome, Existenzängste und weitere psychische Beschwerden nehmen zu. Der Einzelne seufzt, hofft und bangt – aber was bedeutet dieser Zustand für unsere Gesellschaft?

Gesellige Strukturen drohen zu erodieren mit dramatischen Auswirkungen auf den einzelnen. Ganze Lebensinhalte können verloren gehen. 

Wir haben eine ausgewiesene Expertin zu diesem Thema gefunden, die Soziologin Michaela Pfadenhauer konnte uns ein aufschlussreiches Interview dazu geben.