Schauspieler im Lockdown: Viele Proben, keine Auftritte

Für junge Schauspieler ist das Jahr nach Abschluss ihres Studiums das Schwierigste. Dutzende Bewerbungen und Vorspiele, verbunden mit zahlreichen Autostunden in Städte quer durch Österreich und Deutschland. Doch was passiert, wenn selbst diese geringen Chancen für eine Anstellung von einer Pandemie zunichte gemacht werden? Eine Reportage zwischen Stillstand und Zukunftsängsten.

Text: Andreas Weidinger

Ein großgewachsene Frau klatscht die Hände zusammen. Das gedimmte Licht wird heller, bis es in den Augen brennt. Zwei schwarz gekleidete Damen mit Zylindern auf den Köpfen stehen mit gesenktem Blick in der Mitte des Raumes. Vor Ihnen erhebt sich ein Spiegelwand, die den kleinen Raum plötzlich groß wirken lässt. Musik setzt ein und die Beiden beginnen zu steppen. Dafür tragen sie schwarze, glänzende Schuhe mit Absatz. Nach einer Weile hört man ein lautes „Stop“ aus der anderen Ecke des Raumes: Die großgewachsene Frau ist unzufrieden.

Mit harten Schritten marschiert sie zur Raummitte, beginnt ruhig zu sprechen und erklärt, was die Beiden besser machen können. Sie kehrt zurück an ihren ursprünglichen Platz in der Ecke und die Tänzerinnen kehren in Ihre Ausgangsposition zurück. Die Musik setzt ein und das Steppen geht von vorne los.

Vor einem Tag wurde verkündet, dass der Lockdown in Deutschland bis nach Ostern verlängert wird. Im Landestheater Marburg probt man trotzdem für die nächste Aufführung.

Unersetzbarer Präsenzunterricht

„Manchmal ist es schon extrem frustrierend, wenn du ständig am Proben bist, übst und am Ende nicht mal weißt, ob du das Stück überhaupt aufführen wirst“.  Mia W. ist eine der beiden Stepptänzerinnen und Schauspielstudentin an der Kunstuniversität Graz. Eigentlich befindet sie sich im 4. und letzten Studienjahr, hatte aber die Möglichkeit, im Februar 2020 einen Platz für ein Studiojahr hier in Marburg zu erhalten. „Ich bin quasi zur Hälfte Ensemble-Mitglied und zur Hälfte Schauspielstudentin. Außerdem zahlen sie mir eine Wohnung und ich bekomme ein Praktikantengehalt. Damit bin ich eigentlich ziemlich zufrieden“.

Das trifft jedoch auf die Wenigsten zu. Mia ist eine von nur vier Personen aus Ihrem Jahrgang, die die Chance auf ein Studiojahr erhalten hat. Die restlichen Studenten müssen das vierte Studienjahr in Graz verbringen. Die Unterrichtssituation erlaubt jedoch keinen Präsenzunterricht, was bei einem Schauspielstudium kaum mit guten Alternativen zu ersetzen ist. Am härtesten trifft die Studenten jedoch das Ausfallen einer Tour durch die Städte Wien, Berlin, München und Neuss. Diese wird normalerweise immer für den Abschlussjahrgang organisiert. Dort werden sie von Leuten von vielen verschiedenen Theatern beobachtet und auch die Dozenten sind oft gut vernetzt und können vermitteln.

Die Frage ist: Was kommt danach?

Nach dem Stepptanz hat Mia eine halbe Stunde Pause. Diese verbringt sie wie üblich im Aufenthaltsraum neben den Umkleidekabinen. Sie hat zwei Brote und einen Apfel als Jause mitgebracht, so wie immer. Eines der wenigen Dinge, die sich trotz der Pandemie nicht verändert haben.

Sie erzählt, dass sie vor kurzem tatsächlich einen 2 Jahresvertrag angeboten bekommen hat. In der aktuellen Zeit eine enorme Seltenheit. „Ich hatte da sicher extremes Glück und bin sicher nicht die Norm“ Nur zwei der vier anwesenden Studenten wurde eine Stelle angeboten. Die anderen Beiden müssen im Februar zurück. „Normalerweise ist ja jetzt die Zeit, wo man selbst Vorsprechen geht und sich an Theatern bewirbt. Im Moment ist das nur quasi nicht möglich, weil einfach keine Stellen ausgeschrieben werden. Wie denn auch, wenn keiner Spielen darf“.

Es ist allgemein sehr schwer, für Leute oder Absolventen, sofort eine Stelle zu finden. Als junger Schauspieler hat man es immer schwer, das weiß auch jeder, der sich für dieses Studium entscheidet. Im Moment kann man zum größten Teil wirklich gar nichts machen. „Es herrscht absoluter Stillstand. Je länger dieser anhält, desto größer wird das Problem.“

Falsche Prioritäten

Es ist bereits dunkel, als Mia den gepflasterten Platz vor dem Theater betritt. Auf der linken Seite befindet sich ein kleines Nebengebäude mit großen Glasvitrinen. Darauf steht in großer, beiger Farbe „Theaterkasse“. „In einer halben Stunde halte ich da drin eine Lesung. Die wird nach hier draußen übertragen.“. Mehrmals im Monat veranstaltet das Landestheater Lesungen für Passantinnen und Passanten. So will man dennoch ein kulturelles Angebot schaffen, auch wenn es nicht so umfangreich ist, wie im Normalfall.

Für Mia sind das wichtige Beiträge, die oft nicht genug gewürdigt werden. Generell hat sie manchmal das Gefühl, der Kunst- und Kultursektor wird im Vergleich zu anderen Bereichen vernachlässigt. „Das Theater überlegt sich auch viel, von Maßnahmen und Hygienekonzepten, die auch wirklich gut sind und Sinn machen. Wenn du dann Fotos von überfüllten Einkaufshäusern oder Skipisten siehst, ärgert dich das natürlich ein bisschen.“ Auch wenn es eine Herausforderung darstellt, besteht für Schauspieluniversitäten oder das Theater die Möglichkeit, digitale Angebote bereitzustellen. Diese müssen jedoch finanziert werden und es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Ideen auch entwickeln zu können.

Mia W. während Ihrer Lesung in der Marburger Theaterkasse

Die Welt wird nicht ewig stillstehen

Mittlerweile ist es dunkel. Der gepflasterte Platz vor dem Landestheater Marburg ist in gelbes Laternenlicht getränkt. Es ist noch nicht spät, dennoch sind kaum mehr Leute auf den Straßen unterwegs. Nur eine kleine Gruppe von Menschen steht mit Gesichtsmasken und etwas größerem Abstand zueinander vor der Theaterkasse. Gemeinsam lauschen sie der ruhigen Stimme von Mia W., die durch zwei kleine Boxen an die Marburger Nachtluft gelangt.

Die Menschheit braucht Kunst und Kultur. Genauso wie junge Schauspieler jetzt Geduld und Ausdauer brauchen. Sie zählen zu einer kleinen Gruppe der Gesellschaft, die zwar relevant, aber nicht lebensnotwendig ist. Aus diesem Grund fallen sie durch den Rost und haben deshalb nicht nur persönliche, sondern auch berufliche Sorgen. Die Welt wird nicht ewig stillstehen, doch nicht jeder kann so lange warten, ohne das Konsequenzen entstehen. Speziell bei der jungen Generation von Schauspielern ist genau das der Fall.