Die Stumme Musikhauptstadt

Sie sind nach Wien gekommen, um ihren Traum der Musik zu erfüllen. Doch in Wien ist die Musik verstummt.

Text: Daniel Stornig

Quelle: Pixabay

Seit Jahrhunderten zieht es Musiker und Komponisten aus der ganzen Welt nach Wien. Die Stadt, in der Beethoven, Mozart und Vivaldi einige ihrer berühmtesten Werke komponierten schmückt sich nicht umsonst  mit dem Titel „Welthauptstadt der Musik“.

Diese Tradition lebt vor allem in der Form von Musikstudenten weiter, die nach Wien kommen, um an einer der zahlreichen Musikuniversitäten zu studieren. Viele von ihnen stammen aus Drittstaaten – also Staaten außerhalb der Europäischen Union. Maria (29) aus Kuba und Nicolas (22) aus Kolumbien kamen beide vor etwa zwei Jahren nach Wien, um ihre Ausbildung im Konzertfach Viola fortzusetzen.

„Schon seit ich klein war, wollte ich immer schon nach Wien kommen“, sagt Nicolas. An seiner Musikschule in Kolumbien gab es viele Musiker, die in Wien studiert hatten, und mit hohem Ansehen zurückkehrten.

Für Maria sind es nicht berühmte Komponisten, die Wien besonders machen, sondern die lebendige Musikszene. Vor Corona konnte sie jede Woche ein Konzert eines renommierten Orchesters besuchen, das in Kuba niemals spielen würde. „Das gehörte auch zur meiner musikalischen Weiterbildung dazu“, sagt sie. Mit der Corona-Pandemie verstummte die Musik jedoch. Der dritte Lockdown soll Anfang Februar schrittweise gelockert werden, doch wann die Kulturszene wieder ihre Türen öffnen wird, bleibt unklar.

Mehr Zweifel als je zuvor

Das Leben eines Musikers ist ein Leben der Ungewissheit. Es stellt sich einem oft die Frage, ob man den falschen Lebensweg eingeschlagen hat; ob man eine Familie ernähren kann; ob man noch arbeiten wird müssen, wenn man 80 ist. Seit der Pandemie sind diese Sorgen größer, als je zuvor. Mit ihren 29 Jahren fühlt sich Maria an die Musik gebunden. Für sie gibt es schon lange kein Zurück mehr.

Finanzielle Belastungen

Wien ist teuer. Besonders wenn man, wie Maria, aus einem armen Land stammt. „Ich kam mit ca. 10.000 Euro nach Europa. Das ist das Geld, das meine Mutter über ihr ganzes Leben angespart hatte. Nach etwas mehr als einem Jahr war es weg“. Nach Deutschkursen, Miete, Semesterbeiträgen und alltäglichen Lebenskosten blieb nicht viel übrig.

Vor der Pandemie konnte sie noch etwas Geld mit Konzerten und kleinen Auftritten dazuverdienen. Jetzt gibt sie Privatunterricht in Geige und Klavier. Die Klassen fallen aber während dem Lockdown großteils aus. Jedes Semester wird die Bezahlungen des Semesterbeitrags schwerer. Diese sind für Drittstaatsangehörige meist doppelt so hoch, wie für Europäer.

Arbeitsbewilligung als Barriere

Die Einstellung in einem Orchester ist auch nicht einfach. Meist ist sie mit einer Arbeitserlaubnis verknüpft, die bereits mit der Bewerbung eingereicht werden muss. Diese muss der Arbeitgeber beantragen, bevor er Studenten aus Drittstaaten einstellen kann. Das sei ein schneller Weg, um Nicht-Europäer auszuschließen, sagt Maria.

Das betrifft auch herkömmliche Studentenjobs. Sowohl Maria als auch Nicolas wären schnell dazu bereit, Jobs außerhalb der Musikbranchen anzunehmen. Beide finden sich aber vor Hürden, die ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Die Arbeitserlaubnis kostet Geld und Zeit, deswegen zögern viele Arbeitgeber, wenn es darum geht, Studenten aus Drittstaaten einzustellen. Ganz einfache Abläufe werden zum Ding der Unmöglichkeit.

So ist zum Beispiel der übliche Probetag in der Gastronomie für Studenten aus Drittstaaten auf legalem Weg undurchführbar. Die Arbeitserlaubnis für nur einen Tag gibt es nämlich nicht.  „Ich habe mich bei unzähligen Jobs beworben, aber habe immer eine Absage bekommen, entweder weil ich nicht gut genug Deutsch spreche, oder sie die Arbeitserlaubnis nicht beantragen wollten“, sagt Maria.

Auch Nicolas liegen bei der Jobsuche Steine im Weg. „Wenn man hierherkommt, dann spürt man, dass dieser Ort für jene ist, die hier geboren wurden“, sagt er. Trotzdem schätzt er sich glücklich, dass er hier studieren darf. Er erhält ein Stipendium der kolumbianischen Regierung. Das allein reicht zwar nicht ganz, um sein Leben zu finanzieren, jedoch kann er sich mehr auf sein Studium konzentrieren. 

Hilfsbereitschaft und Härtefallfond

Dank seines Stipendiums, wird Nicolas in den nächsten Monaten gut über die Runden kommen. Außerdem fand er unter anderen Musikern viel Hilfsbereitschaft: „Es gab einige Leute, wichtige Musiker in der Stadt, die mir gesagt haben, dass sie mir helfen können, wenn ich Essen oder Geld brauche. Seit letzten März war das für mich etwas Wundervolles. Mein Professor kennt meine Situation. Er hat mir 50 Euro pro Woche gegeben. Ich bin nicht daheim, nicht in Kolumbien, und trotzdem fühle ich, dass es Personen gibt, die sich um mich kümmern. Das ist etwas Spezielles„, sagt Nicolas. 

Auch Maria fand bei der Familie ihres Freundes Unterstützung. „Ich weiß, dass ich nicht allein bin, wenn es hart auf hart kommen sollte“. 

Zu Jahresende bewarben die beiden für erfolgreich für einen Zuschuss beim Künstlersozialversicherungsfonds. Dieser steht Künstlern zu, die auf andere Härtefall-Fonds keinen Anspruch haben. Als Ausgleich für ihren Einkommensverlust erhalten beide einmalig 3500 Euro. Eine hilfreiche Überbrückung, die leider nicht von Dauer sein wird.

Pandemie als Pause vom Leistungsdruck

Trotz der schwierigen Zeit bringt der Ausfall von dem ständigen Vorspielen und Auftreten Entlastung vom Leistungsdruck, mit dem Nicolas zuvor zu kämpfen hatte. Somit hat die Pandemie für ihn neben finanziellen Sorgen auch etwas Positives gebracht. „Ich glaube es war eine Zeit, die ich gebraucht habe. Ich stand vorher oft unter viel Druck, und dass ich die Zeit hatte um Dinge langsam anzugehen, war sehr gut. Mir ist aber bewusst, dass die Situation für viele Menschen sehr schlecht ist„.

Leben ohne Konzerte

Vor einigen Jahren schrieb Maria ihre Gefühle nieder, nachdem sie auftrat: „Die Lichter gehen aus und die Unendlichkeit erstreckt sich vor einem. Nur die Musik existiert. Das ist der einzige Moment, in dem man den Geschmack des Paradieses kosten kann“. Es ist zehn Monate her, dass Maria zuletzt in einem Konzert spielte. Sie weiß nicht wie lange es dauern wird, bis sie wieder auf der Bühne steht. Das Gefühl das sie Beschrieb, existiert gegenwärtig nur in ihrer Erinnerung.

Hier finden Sie eine Liste von Härtefallfonds für Künstler: https://www.ksvf.at/files/CONTENT/PDFs-Formulare/PDFs-sonstiges/21012020_weitere_Unterstuetzungsmoeglichkeiten.pdf

Künstler Sozialversicherungsfond: https://www.ksvf.at/files/CONTENT/PDFs-Formulare/PDFs-sonstiges/21012020_weitere_Unterstuetzungsmoeglichkeiten.pdf